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Verdeckte Recherche missverstanden

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Ein falsches Facebook-Profil eines «20 Minuten»-Journalisten und ein «Juxtelefon» von australischen Radiomoderatoren bringen die verdeckte Recherche in Verruf und schädigen so ein wichtiges journalistisches Mittel. Zu Unrecht.

Da taucht im Internet ein Sexvideo einer jungen Schweizerin auf, das mutmasslich ihr Ex-Freund auf Facebook aufgeschaltet hat. Und flugs eröffnet ein «20 Minuten»-Journalist ein Fake-Profil unter dem mutmasslichen Namen des Opfers. Eine verdeckte Recherche also. Kollegen der Gratiszeitung decken sein Vorgehen auf, und der Mann wird entlassen.

Richtig so, denn verdeckte Recherche darf gemäss der klaren Praxis des Schweizer Presserates nur dann eingesetzt werden, wenn

1.  ein überwiegendes Interesse an einer Information besteht und
2. die Information auf anderem Wege nicht zu beschaffen ist (ultima ratio).

Beim «20-Minuten»-Fall muss an beidem gezweifelt werden. Journalisten sollten die Strafverfolgungsbehörden mal arbeiten lassen und sich nicht als Parallelermittler gebärden. Es gibt (derzeit) kein überwiegendes öffentliches Interesse an Informationen über die Freunde des Opfers. Die Ultima-Ratio-Regel greift schon gar nicht.

Ganz ähnlich liegt der Fall bei den Juxanrufen der beiden australischen Moderatoren in der Klinik, in der Herzogin Kate Middleton wegen Schwangerschaftsbeschwerden behandelt wurde. Dieses Telefonat wird als «Scherzanruf» heruntergespielt, ist aber eigentlich eine illegitime verdeckte Recherche. Denn auch da sind die Anforderungen klar nicht erfüllt. Es fehlt ebenfalls bereits am überwiegenden öffentlichen Interesse an Informationen über Schwangerschaftsbeschwerden Middletons.

Mit diesen beiden Fällen gerät die verdeckte Recherche in Verruf. Zu Unrecht. Denn – richtig eingesetzt – ist sie ein kraftvolles und nötiges Mittel des investigativen Journalismus.

Dass sie in Verruf gerät, ist für die Schweiz fatal. Denn das Schweizer Bundesgericht hat eine sehr rigide Praxis zu verdeckten Recherchen entwickelt, die in der Praxis gerade die seriösen Journalistinnen und Journalisten nur allzu oft davon abhält, sie einzusetzen.

So hat das Bundesgericht zum Beispiel einen Journalisten des «Corriere della Sera» abgestraft, der sich von einer Schlepperorganisation über die grüne Grenze bringen liess, um die Flüchtlingsdramen an der Schweizer Grenze hautnah beschreiben zu können. Er wurde wegen illegalen Grenzübertritts mit 250 Franken gebüsst.

Wenn nun gedankenlose Journalisten die verdeckte Recherche klar fehlerhaft einsetzen, festigt dies die falsche Meinung der Richter, diese Methode sei weiterhin einer rigiden Praxis zu unterwerfen. Und das wiederum hält seriöse Journalisten davon ab, sie – wenn es nicht anders geht zu Recht – einzusetzen.

Dominique Strebel, Studienleiter MAZ

 

Geschrieben von Gabriela Murer

12. Dezember 2012 um 15:24

4 Kommentare zu 'Verdeckte Recherche missverstanden'

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  1. Ganz genau! In der Regel genügt hartnäckiges Nachfragen. Allerdings dürfte ruhig mehr hartnäckig nachgefragt werden. Zu oft werden schnell kurze Statements eingeholt und tel quel verbreitet. JournalistInnen wissen, welche politischen Akteure wie auf etwas reagieren und setzten ihre Artikel/Beiträge so zusammen. Auch die RezipientInnen wissen mit der Zeit, wer wie reagiert. So nimmt das Interesse ab, überhaupt zu lesen, zuzuhören oder zu schauen. Es bleibt ein tägliches und gut bekanntes Kasperli-Theater.
    Nur wer es schafft, mit Dossierkenntnis nachzuhaken und wieder nachzuhaken und allenfalls neue Akteure mit einzubeziehen, schafft es Interesse zu schaffen, schafft es, wirklich zu informieren.
    Dafür fehlt die Zeit – und diese müssen sich Journalisten und Journalistinnen wieder erkämpfen!

    Charlotte Heer Grau

    12. Dez 12 um 20:43

  2. Ja genau. Und die Verlage müssen Geld Bezahlmodelle entwickeln, damit guter Journalismus möglich ist.

    Dominique Strebel

    13. Dez 12 um 10:05

  3. Dass Qualität finanzielle Ressourcen voraussetzt, daran ist sicher was. Aber wer hartnäckig nachfragen soll, muss zunächst mal etwas von der Sache verstehen (wollen), die er behandelt. Und: Ethik und Moral sind nicht primär eine Frage des Geldes sondern der privaten und beruflichen Sozialisierung. Ein Fall für das MAZ, neben rein handwerklichen Themen auch Aspekten der Einstellung zum Beruf in der Aus- und Fortbildung den nötigen Platz einzuräumen – auch bzw. insbesondere in der Arbeit mit leitenden Redaktoren. Denn diese rekrutieren den Nachwuchs und sollten diesem in jeder Beziehung ein Vorbild sein. Wie es diesbezüglich bei 20 Minuten steht, kann ich nicht im Detail beurteilen, aber einigermassen erahnen. Auf der Medienstelle von Helsana haben wir uns auch schon mit unflätigen Journi-Küken herumschlagen dürfen. Den aktuellen Fall sollten die Verantwortlichen von 20 Min. zum Anlass nehmen, ein paar Grundsatzfragen zu klären. Mit einer drastische Personalmassnahme allein ist es nicht getan.

    Rob Hartmans

    13. Dez 12 um 23:46

  4. Ja, Medienethik muss unbedingt verstärkt geschult werden. Beim MAZ gehören Medienrecht und Medienethik zu den Pflichtkursen, die intensiv geprüft werden und bei Misserfolg zum Scheitern des Studiums führen können.

    Dominique Strebel

    14. Dez 12 um 11:53

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